Jetzt schon ins Examen oder lieber nochmal schieben?

In den letzten Wochen haben zwei von euch mich gefragt, was ich davon halte, zu "schieben", also das Examen später zu schreiben als ursprünglich geplant. Wenn ihr die Lernapotheke gelesen habt, wisst ihr ja, dass ich das sogar zweimal getan habe. Hier deshalb ein paar Tipps, um zu entscheiden, ob ihr eure Vorbereitung nochmal um ein paar Monate verlängern solltet oder ob es Zeit ist, endlich den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Viel Spaß!

Under pressure

Das Examen ist eine Zeit, in der wir unter enormem Druck stehen. Diese Erkenntnis ist wichtig, um deine Gefühle in dieser Zeit adäquat einzuschätzen. Denn die Sache ist die: Unter Druck ist es wesentlich schwieriger, zu erkennen, ob du wirklich ein schlechtes Bauchgefühl bei der Sache hast hast oder ob es nur die Angst vor dem Examen ist, die dich gerade grundlos verrückt macht. Diese Angst packt nämlich immer wieder auch diejenigen, die in ihrer Vorbereitung alles richtig machen und damit auf einem guten Weg sind.

 

Mein Rat lautet daher: Nehmt eure Gefühle so weit wie möglich aus der Entscheidung heraus und entscheidet besser nach objektiven Kriterien. Wie geht das?

Dreh die Frage um!

Zunächst finde ich es sinnvoll, die Frage umzukehren. Anstatt danach zu fragen, wie du die richtige Entscheidung triffst, überlegst du dir, welche Fehler du machen könntest und wie du diese vermeidest. (Das ist übrigens eine allgemeine Strategie, die Inversion genannt wird.) In Bezug auf das Examen fallen mir insofern zwei Fehler ein:

  1. Du schreibst zu früh: Du gehst ins Examen, obwohl du noch nicht ausreichend vorbereitet bist und noch einige Zeit bräuchtest, um den ausstehenden Stoff durchzuarbeiten. Stattdessen lässt du dich von Allgemeinplätzen wie "Man ist nie perfekt vorbereitet, irgendwann muss man es einfach durchziehen!" dazu verleiten, jetzt schon zu schreiben.

  2. Du schreibst zu spät: Du bist bereits so gut vorbereitet wie es dir persönlich möglich ist, aber fühlst dich, als hättest du immer noch viel zu wenig Ahnung von allem. In der Illusion, dass du dich irgendwann adäquat vorbereitet fühlen wirst, verpasst du den Moment, dich anzumelden. Danach nutzt die Zeit aber nicht richtig, sodass dein Wissen eher ab- als zunimmt. Später kommst du zu dem Ergebnis, dass du besser direkt geschrieben hättest. Gelegentlich hört man von Studenten, die sich im Nachhinein darüber ärgern, dass sie nicht doch direkt im Anschluss an ihr Repetitorium geschrieben und stattdessen noch ein halbes Jahr auf eigene Faust (unproduktiv) weitergelernt haben.

 

Ich bin der Meinung, dass das zweite Problem für diejenigen unter euch, die eine klassische Examensvorbereitung ohne Spaced Repetition Systeme verfolgen, deutlich größer ist. Der Grund hierfür ist, dass ihr euch dann selbst Gedanken darüber machen müsst, welchen Stoff ihr wann wiederholt. Wer regelmäßig mit Anki lernt, hat zumindest dieses Problem nicht, weil das Programm euch automatisch die Informationen (und nur die!) vorsetzt, die ihr wieder zu vergessen droht. So könnt ihr euch nach euren Wiederholungen mit neuem Stoff beschäftigen, ohne Angst haben zu müssen, dass ihr bereits Gelerntes wieder vergesst.

Wonach soll ich entscheiden?

Ziel ist es also, dafür zu sorgen, dass du nicht in eine der beiden Gruppen fällst. Dazu musst du versuchen, deinen Lernfortschritt so weit wie möglich zu objektivieren. Der dafür genaueste mir bekannte Ansatz besteht aus meiner Sicht im Einsatz des (kostenlosen) Examensvorbereitungsplanungstools, das ich entworfen habe (egal, ob du Examen mit oder ohne Rep bzw. mit oder ohne Basiskarten machst). Damit kannst du genau ausrechnen:

  • wie viel Seiten du noch durcharbeiten musst.
  • wie viel Zeit du noch hast (und zwar reine Arbeitstage, ohne Urlaub und Wochenenden!).
  • ob das in der noch zu Verfügung stehenden Zeit wirklich schaffbar ist und schließlich
  • was du verändern könntest, um es in der Restzeit doch noch zu schaffen (z.B. kürzere Skripte durcharbeiten, weniger Übungsklausuren schreiben etc.)

 

Dadurch, dass das Tool deinen Fortschritt visualisiert, solltest du anschließend genau begründen können, wie viel Zeit du noch brauchst, um dich angemessen auf das Examen vorzubereiten. Wenn die zu Verfügung stehende Zeit nicht ausreicht, finde ich es völlig okay - ja sogar richtig und gut - zu schieben. Wenn du hingegen nur ein diffuses Angstgefühl hast, das du nicht näher begründen kannst, solltest du dich vermutlich besser anmelden. Wer die Erarbeitungs- und Vertiefungsphase abgeschlossen und dazu einige Übungsklausuren geschrieben hat, ist aus meiner Sicht so gut vorbereitet wie ihm das individuell möglich ist. Danach geht es nur noch um die Überwindung der eigenen Angst und das immer notwendige Glück. Die eigentliche Arbeit ist bereits getan.

Schau dir das Ganze mit einem Freund an

Es kann auch helfen, deine Berechnung einmal mit einem Freund oder deinen Eltern gemeinsam durchzugehen. Insbesondere wenn man von deren Finanzierung abhängig ist, kann das sinnvoll sein, weil die Diagramme Außenstehenden deutlich machen, dass ihr nicht einfach nur nach Gefühl entscheidet und die unvermeidbare Prüfung aus Angst vor euch herschiebt, sondern dass es dafür konkrete Gründe gibt und ihr kontinuierlich Fortschritte macht.

 

Natürlich könnt ihr euch in eurer Examensvorbereitung auch gleich von Beginn an einmal im Monat mit jemandem beraten und jeweils schauen, ob ihr noch auf Kurs seid, bzw. überlegen, was ihr tut, wenn das nicht mehr der Fall ist. Im Zweifel ist das natürlich besser als lange abzuwarten, bis ihr irgendwann feststellen müsst, dass euer Plan nicht aufgeht. Mit dem oben genannten Tool sollte das kein Problem sein.

 

Ich hoffe, dass euch dieser Beitrag ein wenig dabei hilft, die richtige Entscheidung zu treffen - bzw. die falsche Entscheidung zu vermeiden. Ich weiß noch sehr genau, wie verloren ich mich damals gefühlt habe, als ich meinen Eltern mitteilen musste, dass ich trotz meiner Bemühungen, so rational an die Examensvorbereitung heranzugehen wie möglich, nun noch ein Semester länger brauchen werde. Das war überaus deprimierend. Wie das bei mir damals im Einzelnen abgelaufen ist, könnt ihr natürlich in der Lernapotheke nachlesen. Habe ich irgendetwas vergessen oder habt ihr noch weitere Ideen? Dann teilt sie gerne mit uns in den Kommentaren!

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