Wie schaffe ich es, juristisches Wissen zu behalten? Teil 1: Anki

Was haben der nette Kerl mit der geschmackvollen Krawatte hier links und der Autor eures neuen Lieblingsblogs gemeinsam? Richtig, wir haben uns beide erfolgreich mit Anki auf harte Prüfungen vorbereitet: Er auf die Gameshow Jeopardy!, ich auf mein erstes Staatsexamen. Während Roger Craig allerdings bis heute u.a. den Jeopardy!-Rekord für den höchsten Tagesgewinn hält (siehe links), muss ich mit dem Berliner Referendarsgehalt auskommen, was im Monat leider auf etwas weniger als die Hälfte dieses Betrags herausläuft. Ungefähr.

 

In diesem Beitrag erkläre ich euch, wieso Anki funktioniert und warum dieses Programm aus meiner Sicht vergleichbaren Systemen – einschließlich unserer Konkurrenz BrainYoo und Repetico – lernpsychologisch überlegen ist.

 

(Dieser Post beruht auf meinem wesentlich ausführlicheren Artikel Spaced Repetition Software im Jura-Studium für die Zeitschrift jurPC.)

Use it or lose it

Wenn wir verhindern wollen, dass wir etwas vergessen, haben wir genau eine Möglichkeit: Wir müssen es wiederholen, d.h. uns in irgendeiner Form erneut mit diesem Wissen auseinandersetzen. Glücklicherweise hat die Lernforschung herausgefunden, wie Wiederholungen ausgestaltet sein müssen, um die größtmögliche Wirkung zu haben. Sich damit zu beschäftigen, ist sinnvoll: Je effektiver die einzelne Wiederholung, desto weiter wird das Vergessensdatum dadurch nach hinten verschoben; desto weniger Beschäftigung mit dem Stoff ist notwendig, um ihn im Kopf zu behalten. Was also rät uns die Lernforschung?

Der Spacing Effect sagt dir, wann du eine Information wiederholen solltest: Möglichst kurz vor dem Moment, in dem du sie wieder vergisst. Je mehr Zeit vergangen ist, seitdem du dich das letzte Mal mit dem Stoff beschäftigt hast, desto effektiver die Wiederholung.

Der Testing Effect beschreibt, wie du wiederholen solltest: Es bringt mehr, wenn du aktiv versuchst, dich an den Lernstoff zu erinnern, anstatt alles nur noch einmal passiv zu lesen.


Wie nutzt Anki diese Erkenntnisse aus?

Anki ist zunächst einmal einfach ein Karteikartenprogramm. Du gibst den Stoff dort als Frage- und Antwortpaare ein (oder lädst dir unsere fertigen Karteikartenpakete herunter) und wiederholst deine Karteikarten, indem du versuchst, die Fragen richtig zu beantworten. (Wie das aussieht, siehst du hier.) Anschließend sagst du Anki dann, wie gut du dich an die richtige Antwort erinnern konntest:

1: Gar nicht.

2: Noch gerade so.

3: Gut.

4: Hervorragend. Das war viel zu leicht!


Aus diesen Angaben berechnet Anki, wann du die Information wieder vergisst. Kurz vor diesem Moment fragt Anki dich dann wieder ab, um das zu verhindern. Die Abstände zwischen den einzelnen Wiederholungen wachsen dabei in der Regel schnell, wie sich in dem nachfolgenden Diagramm erkennen lässt. Die verschiedenen Wiederholungen werden dabei durch die schwarzen Pfeile dargestellt:

Erst kurz bevor die Erinnerungswahrscheinlichkeit zu stark (hier unter ca. 90%) absinkt, wird die Information wiederholt. Weil Anki so spät wiederholt, sind die Abstände zwischen den einzelnen Wiederholungen so groß wie möglich. Auf diese Weise wird der Spacing Effect ausgenutzt. Die einzelnen Wiederholungen haben dadurch die größtmögliche Wirkung. Mit jeder Wiederholung wird die Erinnerung tiefer in deinem Gedächtnis verankert. Ihre Vergessenskurve nimmt deshalb immer seichter ab (vgl. oben z.B. die hellblaue mit der grünen Kurve). [Wer mehr darüber erfahren möchte, wie Anki arbeitet, findet in diesem Video eine schöne Visualisierung und einen Vergleich mit anderen Wiederholungsmodi.]

Was bedeutet das für dich?

Du kannst dir sicher sein, dass du alles Gelernte auch behältst. Unmittelbar vor meinem ersten Staatsexamen hatte ich eine Erinnerungsrate von 85-97% (je nach Rechtsgebiet) bei insgesamt ca. 8000 Karteikarten. Das gibt enorm viel Selbstbewusstsein in den Klausuren.

Du verbringst nur so viel Zeit mit dem Stoff, wie unbedingt erforderlich – nicht mehr. Du musst dich nicht selbst darum kümmern, was du wann wiederholst, und brauchst nicht darauf aufzupassen, dass du ungeliebte Rechtsgebiete nicht vernachlässigst. Anki zeigt dir nur die Karten, die du sonst wieder vergessen würdest. Was du noch sicher beherrschst, wird nicht wiederholt. So wird deine Lernzeit optimal genutzt.

Die allermeisten Karteikartensysteme (auch BrainYoo und Repetico) planen ihre Wiederholungen nach dem sog. Leitner-Algorithmus. Das ist gut, aber Anki ist besser: Es kann besser einschätzen, wann du eine Information wieder vergisst und wann du sie wiederholen solltest, um das zu verhindern. Das liegt daran, dass Anki nicht nur abfragt, ob du dazu in der Lage warst, die richtige Antwort zu geben (zwei Antwortmöglichkeiten: ja/nein), sondern auch berücksichtigt, wie leicht dir das gefallen ist (vier Antwortmöglichkeiten: falsch/schwer/gut/sehr leicht). Schwierige Fragen werden häufiger wiederholt, einfache erst später. So verbringst du weniger Zeit mit Informationen, die du bereits sicher beherrschst (weil die seltener abgefragt werden) und vergisst schwierigeres Wissen seltener (weil es häufiger wiederholt wird). [Einen detaillierten Vergleich zwischen Anki und den Programmen, die auf den traditionellen Leitner-Algorithmus setzen, findest du hier.]

Ausblick

Ich erinnere mich, dass ich ziemlich euphorisch war, als ich zum ersten Mal von den Möglichkeiten erfahren habe, die Anki bietet. Viele Wissensgebiete lassen sich damit problemlos in den Griff bekommen. (Anerkennendes Kopfnicken in Richtung meiner Freundin Hannah, die mit Anki die Lagen, Hauptstädte und Flaggen aller Länder der Erde auswendig gelernt hat.) Leider stellt juristisches Wissen eine besondere Herausforderung dar, weil es so unglaublich komplex ist. Es ist schwierig, den Stoff auf einzelne Karteikarten aufzuteilen, ohne ihn aus dem Zusammenhang zu reißen. Im nächsten Post erfahrt ihr, wie sich dieses Dilemma lösen lässt.

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