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Mit den Basiskarten ab dem ersten Semester lernen – Was muss ich beachten?

Ein Kunde hat mich vor kurzem gefragt, wie er am besten vorgehen sollte, wenn er die Basiskarten bereits ab dem ersten Semester einsetzt. Da ich das immer wieder mal gefragt werde, hier ein eigener Blogbeitrag dazu.

Das wichtigste zuerst: Die Basiskarten eignen sich auf jeden Fall auch schon zum Lernen ab dem ersten Semester.

 

Ich bin der Überzeugung, dass sich die Studienzeit in unserem Fach durch den konsequenten Einsatz eines Spaced Repetition Programms wie Anki um einiges verkürzen ließe. Anki ermöglicht im Prinzip eine Examensvorbereitung ab dem ersten Semester, bei der man das gesamte Studium hindurch mit denselben Lernmaterialien lernt.

 

Das ist eine sehr andere Vorgehensweise als die, die ich damals zu Beginn meines Studiums verfolgt habe, und die auch heute noch gang und gäbe sein dürfte: Immer nur kurzfristig auf die jeweiligen Semesterabschlussklausuren hinzulernen und anschließend alles Gelernte erst einmal wieder zu vergessen. Ich halte diese Vorgehensweise für überaus ineffizient, weil man die eigene Mühe und Anstrengung dabei immer wieder verpuffen lässt und dann in der Examensvorbereitung mehr oder weniger bei null anfängt (in der Regel mit komplett neuen Lernmaterialien). Das gilt es aus meiner Sicht zu vermeiden.

 

Die gute Nachricht ist: Das sollte möglich sein, indem man von Anfang an so vorgeht, wie ich es in der Examensvorbereitung empfehle (sog. Spiraltechnik):

  1. Zunächst den Basiskarten-Stapel für das jeweilige Fach mit Anki lernen (Basiskartenphase)
  2. Anschließend (!) ein Skript dazu durchzulesen oder eine Vorlesung dazu besuchen (Skriptphase)
  3. Sonderprobleme und Streitstände noch einmal vertieft nacharbeiten (Vertiefungsphase)

Voraussetzung ist bei alledem natürlich, dass man dazu bereit ist, regelmäßig seine in Anki anfallenden fälligen Karten zu wiederholen.

 

Wer jedoch so vorgeht und von Anfang an konsequent aufs Examen hinlernt, hat den großen Vorteil, dass er oder sie seine eigentliche Examensvorbereitung unter ganz anderen Voraussetzungen beginnt. Dafür bleibt dann eigentlich nur noch:

  • Die Teilnahme am Examensklausurenkurs
  • Die erneute Beschäftigung mit Spezialproblemen (= quasi eine zweite Vertiefungsphase für alle Fächer), je nach Bedarf.
  • Das Nacharbeiten von Verständnislücken und in den Übungsklausuren aufgedeckten Schwächen.

Soweit meine Skizze einer idealen Studienstrategie, die ich für möglich, aber natürlich nicht für verpflichtend halte.

 

Immo fragte nun zu Recht nach Materialien, um das Klausurenschreiben im Gutachtenstil zu üben, da diese Technik zu Beginn des Studiums (anders als später in der Examensvorbereitung) ja noch gar nicht bekannt ist. Dazu würde ich folgende Literatur empfehlen (geordnet nach Priorität für den Anfänger, der gerade sein Jura-Studium begonnen hat):

  • Eltzschig: Die Anfängerklausur im BGB (ein guter Einstieg in die Technik der Fallbearbeitung)
  • Meinen Basiskarten-Stapel Klausurtechnik
  • Fritsche/Würdinger: Klausurtechnik und Klausurtaktik in JA, 01/2007, IV-XV.
  • Klaas/Scheinfeld: Die Strafrechtsklausur in JURA 2010, 542.
  • Allgemeine Hinweise der Marburger Strafrechtslehrer zur Fallbearbeitung
  • Hattenhauer: Stilregeln für Juristen in JA, Sonderheft für Erstsemester 2016, 43-46.

Weitere Fragen, die in diesem Zusammenhang immer wieder aufkommen (werde ich bei Bedarf ergänzen):

  • Muss ich die Stapel neu kaufen, wenn eine Neuauflage/ein Update dafür erscheint? Nein, das ist bei den Basiskarten (anders als bei herkömmlichen Skripten oder Lehrbüchern) nicht erforderlich, auch nicht bei größeren Updates wie dem neuen Kaufrecht.
  • Werden die Basiskarten in den nächsten Jahren weiter aktualisiert? Ja. Zumindest habe ich nichts anderes vor. :-)

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Kommentare: 6
  • #1

    Immo (Samstag, 09 April 2022 17:45)

    Moin Thomas,

    vielen Dank für die ausführliche Antwort! Insb. die Literaturtipps werde ich definitiv beherzigen.

    In den letzten Wochenhabe ich mittlerweile auch meine ersten Erfahrungen mit den Basiskarten gesammelt und sie hier einmal in der Hoffnung zusammengefasst, dass sie dem ein oder anderen helfen:

    Definitiv bestätigen, kann ich, dass es sich für mich nicht gelohnt hat die Karten selbst zu erstellen, da der Zeitaufwand hierfür absolut unverhältnismäßig zum Lerneffekt war. Oft waren meine eigenen Karten klar verbesserungsbedürftig (redundant oder schlecht geschnitten) und teilweise fehlerhaft/inkonsistent, was über die aufwändige Erstellung hinaus noch recht viel Aufwand verursacht hat.

    Nach beendeter Basiskartenphase habe ich mir zunächst ein Hemmer Skript aus der Bib zur Hand genommen und versucht es durchzuarbeiten, aber schnell gemerkt, dass so zu lernen (für mich als Anfänger) nicht funktioniert. Das hat insb. den Grund, dass das Skript nicht darauf ausgelegt ist, das durch das Lesen erworbene Wissen abzufragen/anzuwenden und auf der anderen Seite noch keine Erfahrungen/Beispiele im eigenen Gedächtnis existieren, mit denen man das gelesene zu verknüpfen könnte, wodurch die Methode des "Zusammenfassens" nicht sehr erfolgsversprechend ist/war. Gleichzeitig war es mir wichtig nicht nur passiv zu lernen.
    Dadurch war das "seitenweise" Durcharbeiten des Skripts überfordernd und auch nicht nachhaltig, da ich das Skript auf diese Weise vorm Examen erneut vollständig durcharbeiten hätte müssen. Sicherlich kann das auch an mir liegen und mich nicht davon abhalten es im weiteren Studienverlauf noch einmal zu probieren.

    Besser, aber bestimmt noch nicht optimal, war für mich der Ansatz anhand eines Fallbuchs (in meinem Fall BGB AT von AS) Lösungsskizzen für ein zuvor festgelegte Zahl Standardfälle zu erstellen (Testing Effekt). Ich habe mich hierbei am geschätzten Zeitaufwand für die Skriptphase orientiert (Seitenzahl / 25) und pro Tag etwa 3-4 Skizzen mit Nacharbeit geschafft. Nach Erstellen meines Lösungsversuchs, vergleiche ich diesen mit der Musterlösung. Wenn ich grobe Fehler gemacht habe oder "Aha-Momente" habe, während ich versuche die Sinnhaftigkeit des korrekten Vorgehens nachzuvollziehen, versuche ich diese auf eigenen Anki Karten festzuhalten (max. eine Karte pro Fall; Ø 0,5). Das Skript nutze ich dabei höchstens als Nachschlagewerk. Bevor ich Klausuren schreibe, werde ich ein paar der Gutachten noch einmal vollständig ausschreiben.

    Das Erstellen der Karten hat für mich den Vorteil, dass ich quasi versuche jemand anderen die gewonnene Erkenntnis in einfachen Worten zu erklären (Feynman Technik) und so auch bemerke wenn ich etwas tatsächlich nicht verstanden habe. So lese ich mich beim Erstellen der Karte häufig noch etwas tiefer ein und habe so zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

    Das Risiko dieses Vorgehens ist natürlich, dass man nicht den gesamten Stoff bearbeitet, was man ggf. in der dritten Phase abfangen muss. Gerade für einen Studienanfänger scheint mir das aber erstmal vernachlässigbar. Das Erstellen der Karten ist sicherlich aufwändig, aber bspw. nachhaltiger als Zusammenfassungen, da man das Wissen zu einem späteren Zeitpunkt strukturiert reaktivieren kann.

    Insgesamt kann ich sagen, dass die Basiskarten meinen Lernfortschritt klar beschleunigt haben.

    Grüße,

    Immo

  • #2

    Max (Sonntag, 10 April 2022 20:43)

    Ich finde den Ansatz von Immo nicht ganz verkehrt. Was bei uns im Studium mMn nicht gut beigebracht wird, ist die Arbeit mit oder am Gesetz. Alle reden davon, aber erklären tut es einem keiner so richtig. Ich denke, dass ist auch viel Übungssache. Manche brauchen mehr, andere weniger Übung. Selbiges gilt für das Bearbeiten von Klausuren. Kein Meister ist vom Himmel gefallen.
    Lehrbücher dienen für einen Überblick oder für das gezielte Nacharbeiten von Problemen. Merken kann sich niemand jedes einzelne Problem. Alleine im ZivilR gibt es schließlich über 10 Fächer.

    Eine Idee die ich beim Lesen bekommen habe und möglicherweise eine Kombination aus beidem ist: Erst die Basiskarten, ohne wenn und aber. Dann ein paar Fälle machen um für typische Konstellationen bereits ein Gespür zu bekommen. Im Anschluss ein Lehrbuch lesen/eine VL besuchen. Wir haben den Vorteil, dass das Layout in unserem Fach weitestgehend standardisiert ist. Es gibt Randnummern in nahezu jeder juristischen Literatur. Man kann sich diese also anstreichen, wenn sie ein Problem behandeln oder besser, man arbeitet die Probleme durch, wenn man einen passenden Fall macht und streicht sie sich dann an. Man hat somit abstraktes und fallbasiertes Wissen kombiniert, kann aber zur Wiederholung schnell die Randnummern im Lehrbuch durchgehen, anstatt wieder alle Fälle machen zu müssen oder das komplette Lehrbuch erneut zu lesen.

    Wichtig ist glaube ich nur dabei nicht zu vergessen, dass Grundlage von allem das Gesetz ist. Vor lauter Problem hM, hL, MM und was es nicht noch alles gibt kann das schnell in Vergessenheit geraten. Das muss man aber auch beim erneuten durcharbeiten der Probleme beachten.
    Sich alles Merken zu können ist eine Utopie. Auch hilft es einem in der Klausur nichts, wenn man es nicht in die Klausur bringen kann mangels Übung. Und es wäre auch Utopie zu glauben, man kann jedes erdenkliche Problem wenn man ein Lehrbuch tatsächlich komplett auswendig kann. Es gibt immer was, was man nicht kennt. Absolute Vollständigkeit ist also unmöglich. Wenn man aber ein fundiertes Basiswissen (Stichwort Basiskarten) hat, die wichtigsten Standardprobleme kennt und mit dem Gesetz arbeiten kann, sollte man in der Klausur das meiste gut vertretbar bearbeiten können.

    Wenn man eine gute VL hat, lohnt sich evtl. auch ein Blick in Studienkommentare und man kann sich ein Lehrbuch sparen. Vor allem Joecks/Jäger wird von allen Seiten hoch gelobt und ich finde v.a. im Strafrecht bietet sich die Arbeit mit einem Studienkommentar an.

    Aus Eigeninteresse eine abschließende Frage, hat jemand Erfahrung mit dem Studienkommentar zu VwVfG/VwGO?

    Grüße
    Max

  • #3

    Frederik (Donnerstag, 21 April 2022 09:15)

    Hey Thomas,

    danke dir für den Beitrag.�

    Ich befinde mich momentan im dritten Semester und merke auch, wie ich bereits davon profitiere, am Anfang des Semesters erstmal einen Überblick des Stoffs mit den Basiskarten zu haben und der Rest des Semesters dann eine Vertiefung und Wiederholung ist.���

    Hast du denn für die drei Phasen auch eine grobe zeitliche Einteilung, wann welche Phase im Laufe des Semesters abgeschlossen sein soll, damit man sich in einer Phase nicht zu lange aufhält und die anderen noch angemessen behandeln kann?�

    Liebe Grüße und bis bald
    Frederik �

  • #4

    Thomas (Basiskarten Jura) (Freitag, 22 April 2022 16:13)

    Hallo Immo,

    zunächst freut es mich sehr zu hören, dass die Basiskarten auch schon am Anfang des Studiums nützlich für dich sind. Deine Idee, mit Fallbüchern zu arbeiten, finde ich überhaupt nicht schlecht, im Gegenteil, das ist ein guter Ansatz, um das gelernte Wissen aktiv anzuwenden.

    Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um das von mir vorgeschlagene Vorgehen der Skriptenphase detaillierter zu erläutern.

    Ausgangspunkt dafür ist die Erkenntnis, dass ein Examensskript in Umfang und Verständnisschwierigkeit aus meiner Sicht durchaus mit den üblichen Lehrbüchern vergleichbar ist, mit denen viele im ersten Semester ihr Studium beginnen. Man vergleiche z.B. einmal den beliebten Brox/Walker mit den entsprechenden BGB AT-Skripten von Alpmann Schmidt oder Hemmer.

    Aus meiner Sicht spricht deshalb nichts dagegen, gleich von Anfang an mit den Materialien zu lernen, die man auch später im Examen einsetzen würde. Sicherlich ist es in der Examensvorbereitung von Vorteil, wenn man mit den jeweiligen Texten bereits vertraut ist.

    Was nun die Auswahl an Materialien angeht, würde ich jedem empfehlen, auszuprobieren, womit er oder sie gut zurechtkommt. Wenn Hemmer nicht dein Fall ist, weil dir dabei der Anwendungsbezug fehlt, könnten z.B. Alpmann-Skripte eine Option sein. In diesen findest du immer einige größere Fälle, die auch gutachterlich gelöst werden. Ebenso bin ich aber der Meinung, dass eine gute Vorlesung an der Uni, Rep-Unterlagen oder Online-Repetitorien wie Lecturio, Juracademy oder Jura Online echte Alternativen sind, die man in Betracht ziehen sollte.

    Nach abgeschlossener Basiskartenphase sollte man mit *irgendeiner* dieser Optionen jedenfalls gut zurechtkommen.

    Was ich vermutlich genauer erläutern sollte, ist, was ich meine, wenn ich vom "Durcharbeiten" eines Skripts spreche. Ich stelle mir darunter nicht vor, die jeweiligen Skripte einfach nochmal in eigenen Worten in einem Word-Dokument zusammenzufassen. (Das ist viel Arbeit und bringt aus lernpsychologischer Sicht leider überraschend wenig.) Eher würde ich dafür plädieren, die Skripte aufmerksam durchzulesen und diese mit dem eigenen Wissen abzugleichen. Dann würde ich zum einen das tun, was du auch jetzt beim Durcharbeiten der Fallbücher tust: Wissen, das aus deiner Sicht ähnlich grundlegend ist wie die Basiskarten oder das bei dir besondere "Aha-Momente" auslöst, zusätzlich in Anki eingeben. Allzu viele Karten sollten dadurch nicht hinzukommen.

    Zum anderen würde ich aber folgendes tun: Mir eine Liste mit Spezialproblemen anlegen, die in den Basiskarten gar nicht oder nur am Rande behandelt, in dem jeweiligen Skript aber breiter ausgeführt werden. Ich würde mir in dieser Liste notieren, wie wichtig das Problem ist und wo ich es im Skript finde (= Randnummer). Eine Zusammenfassung in eigenen Worten würde ich mir zu einem Problem nur schreiben, wenn die Darstellung im Skript für mich unverständlich war und ich dazu weiter recherchiert habe.

    Der Vorteil einer solchen Liste ist, dass du damit exotischere Probleme, die besonders viele Punkte bringen, aber von denen es zu viele gibt, um sie alle mit Anki zu lernen, zügig wiederholen kannst. Das empfiehlt sich dann insbesondere vor den Semesterklausuren und natürlich in der Vertiefungsphase vor dem Examen.

    In der Lernapotheke (S. 27 ff.) habe ich dieses Vorgehen noch detaillierter beschrieben. Ein Blick darein lohnt sich ebenfalls.

    Viele Grüße
    Thomas

  • #5

    Thomas (Basiskarten Jura) (Freitag, 22 April 2022 17:03)

    Hallo Max,

    habe deine Antwort gerade erst gelesen. Ich kann die Idee mit der Randnummernliste nur unterstreichen. Damit habe ich selbst gute Erfahrungen gemacht.

    Den genannten Studienkommentar kenne ich nicht.

    Viele Grüße
    Thomas

  • #6

    Thomas (Basiskarten Jura) (Freitag, 22 April 2022 17:16)

    Hallo Frederik,

    entschuldige bitte die fehlende Emoji-Unterstützung. :-)

    Zu deiner Frage: Idealerweise schließt man die Basiskartenphase bereits vor Semesterbeginn ab. Ansonsten einfach möglichst früh zu Beginn des jeweiligen Semesters. Als Basiskarten-Kunde hast du ja Zugriff auf diesen Mini-Kurs von mir, schau dir da am besten mal die Lektion "Offensiv vorlernen" an: https://productivity101.anvil.app/#vorlernen

    Die Dauer der zweiten Phase hängt wohl vor allem davon ab, ob man eine Vorlesung hört oder mit Skript, Lehrbuch etc. lernt. Die wird dann vermutlich die meiste Zeit einnehmen. Man sollte so damit durchkommen, dass man am Ende vor den Klausuren noch Zeit für eine kurze Wiederholung der jeweiligen Probleme hat (= Vertiefungsphase).

    Um das alles zu planen, könnte man sich eine Mini-Version meines Examensplanungstools erstellen: https://www.basiskarten.de/examen-ohne-rep-mit-basiskarten/ (Einfach bei allen Fächern, die man in dem jeweiligen Semester nicht hört, eine 0 eingeben.) Der Vorteil davon ist, dass man damit verschiedene Szenarien sehr leicht durchspielen kann (z.B. an wie viel Tagen pro Woche man lernt, wie viel Basiskarten bzw. Skriptseiten man pro Tag durcharbeitet etc.).

    Viele Grüße
    Thomas